Was Bienen und Bären verbindet

Gehet hin zu den Immen, und sehet, wie sie Wachs und Honig machen..

Sobald die Immen (Jungbienen) geschlüpft sind, putzen sie – zuerst sich selbst – und dann übernehmen sie Putzaufgaben im Stock. Danach werden sie zur „Ammenbiene“ für die nachfolgende Brut und bringen den Nektar der “Sammler” in die Zellen. Nach zwei Wochen werden sie „Baubienen“ – und das geht so: aus ihren Wachsdrüsen „schwitzen“ sie Wachsstücke, die sie mit dem Mund kneten. Zusammen mit ihrer „Spucke“ werden daraus Waben…

Und wer zeigt dem Bären, wie er sich von den Bienen solle schröpfen lassen?

Dass Bären Honig lieben, weiß jedes Kind. Und die Bienen wehren sich…

Schröpfen ist ein altbekanntes Heilverfahren; es kann schmerzlindernd wirken, reguliert und stärkt das Immunsystem und regt den Blut- und Lymphfluss an. Außerdem lösen sich Verspannungen der Muskulatur.

Fazit

Das sind keine wie von Menschen empfundenen Bienenstiche; sie werden durch den dicken Pelz gemildert, was durchaus als „schröpfen“ bezeichnet werden kann. Und das tut auch dem Bären gut…

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Wie Spinnen und Schlangen sich zu helfen wissen

Beschauet die mühsame Spinn, deren Geweb beinahe ein Wunderwerk ist! Welcher Jäger oder Fischer hat sie gelehret, wie sie ihr Netz ausspannen, und sich, je nachdem sie sich eines Netzes gebraucht, ihr Wildpret zu belaustern entweder in den hintersten Winkel oder gar in das Zentrum ihres Gewebs setzen solle?

Jeder, der das schon mal beobachtet hat, weiß: die Spinne geht beim Bau ihres Netzes systematisch vor. Aus den Spinnwarzen am Unterleib presst sie zuerst einen Flugfaden; daran wird das Radnetz aufgehängt. Das Ganze dauert noch keine halbe Stunde, dann ist das Netz fertig und wartet darauf, dass was zum futtern hineinfliegt; es ist Wohnung und Fangnetz in einem.

Schaut genau hin, die Konstruktion der Querfäden, die Abstände und wie geordnet sie gewebt sind; das ist genial, wie auf dem Reißbrett entworfen.

Fazit

Schon die Steinzeitmenschen konnten von der Spinne lernen, wie Flechtwerk einen Bau zusammen hält…

Wer hat die Schlang instruiert, daß sie soll Fenchel essen, wenn sie ihre Haut abstreifen und ihren dunkeln Augen helfen will?

Schon Ägypter und Griechen kannten die heilende Wirkung des Fenchel; Karl der Große soll sogar den Anbau gefördert haben. – Hildegard von Bingen sagt: „..wer Fenchel oder seinen Samen täglich isst, der vermindert den üblen Schleim oder die Fäulnisse in sich und bringt seine Augen zu klarem Sehen, von guter Wärme und von guten Kräften.“

Ebenso gut wirkt Fenchel bei Asthma und Bronchitis und Verdauungsbeschwerden; er hat krampflösende und blähungstreibende Wirkung auf die Darmmuskulatur.

Fazit

Fenchel wurde auch bei Bindehautentzündungen an den Augen eingesetzt; natürlich haben die Menschen dies von der Schlange erfahren…

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Pflanzen mit Heil- und “Nebenwirkungen”

Wer hat das Wieselin unterrichtet, daß es Rauten gebrauchen solle, wenn es mit der Fledermaus oder irgendeiner Schlang kämpfen will?

Es waren Mönche, die die Raute vom Mittelmeerraum in den Norden Europas brachten, wo man ihre Heilkräfte besonders bei Augenkrankheiten schätzte. Daher stammt auch der volkstümliche Name “Augenkraut”. Im Mittelalter wurde das Kraut gegen die Pest eingesetzt, da es mit seinem Geruch die Ratten als Krankheitsüberträger vertrieb. Heute wird Raute bei Magen-Darm-Beschwerden und Atemwegserkrankungen empfohlen; zu viel davon wirkt jedoch giftig!

Und das ist interessant: in der mexikanischen Volksmedizin wird sie als Mittel gegen Schlangenbisse, aber auch als magisch wirkende Pflanze angeführt…

Wer die Schildkröt, wie sie die Biß mit Schirling heilen?

Wasserschierling (bot. Cicuta virosa) zählt zu den Giftpflanzen„..verhasst wegen des Gebrauchs als Strafmittel bei den Athenern”; nichts ist eindrucksvoller als Platon’s Bericht von den letzten Stunden des Sokrates. Schon kleine Dosen des Krampfgiftes Cicutoxin, wie es im Wurzelstock des Wasserschierling enthalten ist, kann zu schwerwiegenden Vergiftungen mit tödlichem Ausgang führen. Plinius erwähnt aber auch seine „schmerzlindernden Wirkungen“ in der Heilkunst.

Die Verwendung als Heilmittel in homöopathischer Form soll gegen Krämpfe, Schwindel, neuralgische Störungen oder Ausschläge heilend eingesetzt werden…

Wer gibt den wilden Schweinen den Efeu, und den Bären den Alraun zu erkennen, und sagt ihnen, daß es gut sei zu ihrer Arznei?

Alraune – Wurzel der Pflanze Mandragora officinarum – war in der Antike schon Zaubermittel. Die stark halluzinogene Wirkung machte sie bekannt; aber auch die Form der Wurzeln, die an eine menschliche Figur mit Beinen und Armen erinnert, wurde als Hinweis auf ihre medizinische Wirkung gedeutet. Sie fand sogar Verwendung als Talisman. Daneben heilte sie Krankheiten, stand Frauen bei der Geburt bei und schützte vor Vergiftung. In der Homöopathie findet die Alraune stark verdünnt Anwendung bei Depression, Schlaflosigkeit und Gelenkschmerzen.

Doch Vorsicht: Finger weg von Efeu; die ganze Pflanze wirkt beim Menschen als Nervengift!

Fazit:

Die Tiere müssen davon gewusst, die Wirkung „begriffen“ haben. Und ihre Feinde waren gewarnt – und vorsichtig…

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Tier- und Pflanzenwelt – Natürliche Einheit*

*Innere Zusammengehörigkeit, in sich geschlossene Ganzheit, Verbundenheit, Untrennbares (Quelle: academic-com/5480)

Was nun folgt, schildert wortgetreu das “Wissen” des Simplicius:

Wer die wilden Bloch-Tauben, Häher, Amseln und Rebhühner gelehret hat, wie sie sich mit Lorbeerblättern purgieren sollen?

Purgieren – das heißt sich säubern, reinigen, läutern. Als Heilpflanze nützt ein Tee aus Lorbeer der Verdauung; das aus reifen Früchten gepresste Lorbeeröl hilft uns bei Gelenkschmerzen. Bienen- und Skorpionstiche soll er heilen.

Im alten Griechenland war der Lorbeer dem Gott Apollo geweiht und wurde deshalb neben seinen Heiligtümern angepflanzt; dazu erzählt uns Ovid die folgende „Liebesgeschichte“: Daphne’s Mutter Gea war gegen diese „Götterbeziehung“ und verwandelte ihre Tochter in einen Lorbeerbaum. Apollo antwortete: „..meine immergrüne Baum-Frau sollst du sein.“ – Dichter und Sänger wurden mit Lorbeerkränzen geschmückt; und nach einem Sieg bekamen römische Feldherrn einen Lorbeerkranz.

Fazit

Dass bei Tieren Lorbeeröl angewandt wird, haben sie selbst den Menschen verraten: „..reib mir das Fell damit ein, dann werden Läuse und Milben verjagt.“

Und welcher gibt es der Schwalbe zu verstehen, daß sie ihrer jungen blöde Augen mit dem Chelidonio arzneien solle?

Chelidónia (τα χελιδόνια) ist griechisch und bedeutet „Schwalbe” – die war Namensgeber für die Pflanze: bei ihrer Ankunft blüht das Schöllkraut, beim Abzug welkt es. Dazu kam die Kunde vom „blinden“ Schwalbenkind, das von der Mutter mit dem Kraut geheilt wurde.

Das Schöllkraut sondert von Spross oder Wurzel einen gelben Milchsaft ab; die pharmakologischen Wirkungen sind gallentreibende, krampflösende, schmerzlindernde, entzündungshemmende, beruhigende, antimikrobielle und antivirale Eigenschaften. Auch bei Gicht, Rheuma, Angina Pectoris und Nervenschmerzen wurde es angewandt.

Fazit

Dass die gelbe Flüssigkeit im Schein des abnehmenden Mondes gesammelt werden muss – wie bei allen Therapien, wo etwas „schwinden“ soll – hat die Schwalbe zuerst gewusst.

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Die Klugheit der Tiere

…ist nicht zu verwechseln mit dem, was Fabelautoren aus den Tieren machen; dabei denke ich an „belehrende“ Fabeln wie La Fontaine’s „Esel und der Hund“ oder „Amor und die Torheit“. Anders dagegen bei Äsop; die Geschichte von der „Krähe und der Wasserkrug“ wird von Simplicius aufgegriffen, wobei er als Urheber „Plutarchus“ angibt – da irrt er.

Aber lest selbst:

„Ihr Menschen verwundert euch über den Raben, von welchem Plutarchus bezeugt, daß er so viel Stein in ein Geschirr, so halb voll Wasser gewesen, geworfen, bis das Wasser so weit oben gestanden, daß er bequemlich hab trinken mögen.“

Eine Krähe litt unter der Dürre im Sommer und suchte dringend Wasser zum trinken. Da sah sie einen Krug; hinfliegen und reinschauen war eins. Aber was war das – der war ja nur halbvoll; da kam sie nicht dran mit ihrem Schnabel. Das Ding umwerfen ging auch nicht – es war viel zu schwer. Beim Menschen würde man sagen: nun überlege, was zu tun ist? Plötzlich flog sie los auf einen Steinhaufen, nahm zwei Steine in den Schnabel und flog zurück zum Krug. Reinwerfen, wieder neue Steine holen, reinwerfen solange, bis das Wasser am oberen Rand erschien. Nun konnte sie genüsslich trinken, ihren Durst stillen. Was war geschehen?

(Foto: ProjektGutenberg/etext19994)
Die Erklärung

Wissenschaftler um Christopher Bird an der Cambridge Universität wollten herausfinden, ob Äsop recht hat. Zunächst setzten sie Saatkrähen Gefäße vor, die unterschiedlich hoch mit Wasser gefüllt waren. Immer befand sich unter der Wasseroberfläche ein Wurm, den die Rabenvögel nicht erreichen konnten. Als man den Tieren Steine hinlegte, begannen sie, diese ins Wasser zu werfen, um den Wasserspiegel zu erhöhen, bis sie den Wurm erreichen konnten. Aber damit nicht genug: man legte nun Steine verschiedener Größe daneben; und was taten die Krähen? Sie nahmen jetzt die größten Steine, denn diese verdrängten mehr Wasser und damit kamen sie schneller an den Wurm.

Fazit

Rabenvögel gehören zu den klügsten Köpfen im Vogelreich. Sie können zählen, Werkzeuge nutzen und vorausschauend planen.  Ein Grund dafür, warum die Vögel so schlau sind, könnte in ihrer langen Kindheit liegen. Denn manche Rabenvögel bleiben sehr lange bei ihren Eltern – und haben so viel Zeit, in beschütztem Rahmen auch komplexe Dinge zu lernen.

„…wurde ihnen ins Nest gelegt“ – heißt es.

Andererseits sagt Marie Luise Kaschnitz:

„Ganz und gar lebendig zu sein, ganz und gar Mensch und wirklich wach zu sein, bedeutet, unaufhörlich aus dem Nest geworfen zu werden…“

Wahrscheinlich stimmt beides – „..alles zu seiner Zeit“!

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Der Hirtenbub kann Philosophus werden

Simplicius‘ Plädoyer für die Welt der Tiere

Der Erste, der den „Ursprung aller Medizin“ bei den Tieren sah, war Simplicius; es hat ihn einfach geärgert, dass die Menschen alles für sich in Anspruch nahmen. Aber was muss man machen, damit man Tiere versteht? Na – selbst eins werden…

 „Mich quälte der Durst…

…und weil ich den Becher vor mir sah, verlangte ich nur den Trunk, der mir auch mehr als gutwillig gereicht wurde; solches war aber kein Wein, sondern ein lieblicher Schlaftrunk, welchen ich ohnabgesetzt zu mir nahm und davon wieder entschlief, sobald er bei mir erwarmt. Den andern Tag erwachte ich, befand mich aber nicht mehr im Bett – ich wurde wach in einem Stall.“ Es war ein „Zaubertrank“, den man ihm gegeben hatte – und der ihn in ein Kalb verwandelte.

(Das Kalb als „Mittler des Heilsgeschehens“ ist uralt; die Vorgeschichte nennt „kalbende“ Götter in Ägypten – mit der Sonne zwischen den Hörnern. Und bei Homer ist es Hera, die „Kalbende“…)

 „Vermeinet ihr Menschen denn wohl, wir Tiere seien gar Narren?“

..sagt Simplicius. „Das dürft ihr euch wohl nicht einbilden! Ich halte dafür, wenn ältere Tier als ich so wohl als ich reden könnten, sie würden euch von Verstand und Wissenschaft etlicher vernünftiger Tier berichten.“  

Dazu Dominik Perler, Professor in Berlin:

 „Tiere haben einen Geist, aber einen ganz anderen als wir. Unsere Sinnesorgane sind im Vergleich zu vielen Tieren verkümmert. Bei meiner Auseinandersetzung mit dem Thema habe ich in Gesprächen mit Tierforschern bemerkt, welche erstaunlichen Fähigkeiten zum Beispiel Vögel besitzen: sie legen Landkarten im Gehirn an, merken sich Verstecke von Lebensmitteln, kommunizieren auf raffinierte Weise miteinander. Man würde sich selber kaum mit einem Vogel vergleichen. Aber wir sind einem Eichelhäher ähnlicher, als wir glauben. Er kann sich merken, wo er Körner versteckt hat, und diese Informationen bei Bedarf verändern.“

Lieber Professor Perler,

danke für Ihre unser Thema betreffenden Ausführungen – wahre Worte! Und was unsere „verkümmerten Sinnesorgane“ angeht, „…ärgert sich die Natur über das Verhalten der Menschen, andere Lebewesen für eigene Zwecke zu gebrauchen – und damit das Ökosystem zu stören.“ Viel zu wenig wehrt sie sich; am liebsten wäre es ihr, der Mensch würde sie mal ruhen lassen.

Sagt ihr doch auch, wenn man euch geärgert hat: „..lasst mich in Ruh“!

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Christoffels Lehr- und Wanderjahre

Und so lernte er lesen und schreiben

Der Einsiedel mußte wider seinen Willen und Gewohnheit lachen und sagte: »Liebes Kind, diese Bilder können nicht reden, was aber ihr Tun und Wesen sei, kann ich aus diesen schwarzen Linien sehen, welches man lesen nennet, und wenn ich dergestalt lese, so hältst du dafür, ich rede mit den Bildern, so aber nichts ist.« Ich antwortet: »Wenn ich ein Mensch bin wie du, so müßte ich auch an den schwarzen Zeilen können sehen, was du kannst, wie soll ich mich in dein Gespräch richten? Lieber Vater, berichte mich doch eigentlich, wie ich die Sach verstehen soll?« Darauf sagte er: »Nun wohlan mein Sohn, ich will dich lehren, daß du so wohl als ich mit diesen Bildern wirst reden können, allein wird es Zeit brauchen, in welcher ich Geduld, und du Fleiß anzulegen.«

Demnach schrieb er mir ein Alphabet auf birkene Rinden, nach dem Druck formiert, und als ich die Buchstaben kennete, lernete ich buchstabieren, folgends lesen, und endlich besser schreiben, als es der Einsiedel selber konnte, weil ich alles dem Druck nachmalet…

Nachdem nun neulich die Schlacht vor Nördlingen verloren…

…und ich, wie du weißt, rein ausgeplündert und zugleich übel beschädiget worden, hab ich mich hierher in Sicherheit geflehnet, weil ich ohndas schon meine besten Sachen hier hatte: Und als mir die baren Geldmittel ausgehen wollten, nahm ich drei Ring und obgemeldte güldene Ketten, mitsamt dem anhängenden Conterfait, so ich von meinem Einsiedel hatte…

Was für Kriegsdienste Simplicius der Kron Schweden geleistet und wodurch er den Namen bekommen

…der Gouverneur selbsten ließ mich „Simplicius Simplicissimus“ in die Roll schreiben, mich also zum ersten meines Geschlechts zu machen. …Ich behielt auch nachgehends diesen Namen und Zunamen, bis ich den rechten erfuhr, und spielte unter solchem meine Person zu Nutz des Gouverneurs und geringen Schaden der Kron Schweden ziemlich wohl, welches denn alle meine Kriegsdienste sind, die ich derselben mein Lebtag geleistet, derowegen denn ihre Feinde mich deswegen zu neiden kein Ursach haben…

Er kommt über Köln…

Da ich in meinem Jägerkleid, mit einem Feurrohr auf der Achsel, von ihr und ihren Freunden meinen Abschied nahm, schlich mich glücklich durch, weil mir alle Weg bekannt, also daß mir keine Gefahr unterwegs aufstieß, ja ich wurde von keinem Menschen gesehen, bis ich nach Deutz, so gegen Köln über diesseits Rhein liegt, vor den Schlagbaum kam. Ich aber sah viel Leut, sonderlich einen Bauren im Bergischen Land, der mich allerdings an meinen Knan im Spessart gemahnte, sein Sohn aber dessen Simplicio sich am besten verglich. Dieser Baurenbub hütete der Schwein, als ich bei ihm vorüber passieren wollte, und weil die Säu mich spürten, fingen sie an zu grunzen…

…nach Paris

Die von Adel ersuchten mich deswegen auch, und mein eigener Vorwitz, Frankreich zu besehen. Da wir aber nach Paris kamen und bei unsers Kostherrn einkehrten, wurde ich den andern Tag mit den Pferden arrestiert, weil mein Kostherr ihm ein Summa Gelds zu tun schuldig wäre. Er griff mit Gutheißung des Viertel-Commissarii zu und versilberte die Pferd. Gott geb, was ich dazu sagte; also saß ich da, wie Matz von Dresden… Im zweiten Nachtlager von Paris wurde mir wie einem der den Rotlauf bekommt, und mein Kopf tat mir so grausam wehe, daß mir unmöglich war aufzustehen. Es war in einem gar schlechten Dorf, darin ich keinen Medicum haben konnte, und was das Ärgste war, so hatte ich auch niemand der mir wartete, denn die Offizier reisten des Morgens früh ihres Wegs fort gegen das Elsaß zu und ließen mich, als einen der sie nichts anginge, gleichsam todkrank daliegen…

Breisgau und Elsass waren ihm ziemlich bekannt

Also packte ich auf und nahm mir vor, von einem Dorf zum andern bis in das Elsaß hinein zu wandern und meine War unterwegs an Mann zu bringen; folgends zu Straßburg, als in einer neutralen Stadt, mich mit Gelegenheit auf den Rhein zu setzen… Beim Zoll zu Straßburg stiegen die meisten ans Land, und ich mit ihnen, da ich mich denn gegen dieselben hoch bedankte. Ungefähr eine Woche oder vier vor Weihnachten marschiert ich mit einem guten Feurrohr vom Lager ab, das Breisgau hinunter, der Meinung, selbige Weihnachtmeß zu Straßburg zwanzig Taler, von meinem Schwähr übermacht, zu empfangen und mich mit Kaufleuten den Rhein hinunter zu begeben, da es doch unterwegs viel kaiserliche Garnisonen hatte… Indessen plagten mich die Müllerflöhe trefflich, deren ich eine ziemliche Quantität von Breisach mit mir gebracht hatte, denn sie wollten sich in der Wärme nicht mehr in meinen Lumpen behelfen, sondern spazierten heraus, sich auch lustig zu machen…

Eine Wallfahrt nach Einsiedeln

Weil er denn jetzt ohnedas so nahe am Schweizerland wäre, so wollte er solche verrichten und sollte er auch dahin betteln! Wir verblieben vierzehen ganzer Tag an diesem gnadenreichen Ort, allwo ich Gott um meine Bekehrung dankte, und die Wunder so allda geschehen, betrachtete; welches alles mich zu ziemlicher Andacht und Gottseligkeit reizete, doch währete solches auch so lang als es mochte; denn gleichwie meine Bekehrung ihren Ursprung nicht aus Liebe zu Gott genommen, sondern aus Angst und Furcht verdammt zu werden; also wurde ich auch nach und nach wieder ganz lau und träg, weil ich allgemählich des Schreckens vergaß, den mir der böse Feind eingejagt hatte; und nachdem wir die Reliquien der Heiligen, die Ornat’ und andere sehenswürdige Sachen des Gotteshauses genugsam beschauet, begaben wir uns nach Baden, alldorten vollends auszuwintern…

Wie er „..über das Mare mediterraneum nach Ägypten und an das Rote Meer verführt wird“

Als wir nun zu Schiff gangen, vom Sinu Arabico oder Roten Meer auf den Oceanum kommen und erwünschten Wind hatten, nahmen wir unsern Lauf, das Caput bonae speranzae zu passiern, segelten auch etliche Wochen so glücklich dahin, daß wir uns kein ander Wetter hätten wünschen können; da wir aber vermeinten, nunmehr bald gegenüber der Insel Madagaskar zu sein, erhub sich jähling ein solches Ungestüm…

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Wer ist der „Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“?

Geboren und aufgewachsen auf einem Bauernhof im Spessart

„Mein Herkommen und Auferziehung läßt sich noch wohl mit eines Fürsten vergleichen, wenn man nur den großen Unterscheid nicht ansehen wollte. Was? Mein Knan (denn also nennet man die Väter im Spessart) hatte einen eignen Palast, so wohl als ein König mit eigenen Händen zu bauen nicht vermag. Er war mit Stroh bedeckt und die Mauer um sein Schloß waren keine Mauersteine, sondern er nahm Eichenholz dazu, welcher nützliche edle Baum, bis zu seinem vollständigen Alter über hundert Jahr erfordert. Wo ist ein Monarch, der ihm dergleichen nachtut?“

(Text frei nach: “Der Abenteuerliche Simplicissimus…” dtv 1997)
(Karte Freeworldmaps-net)
Sein Vater sagte: „Bub bis fleißig…

…loß di Schoff nit ze wit vunananger laffen, un spill wacker uff der Sackpfeiffa, daß der Wolf nit komm, und Schada dau, denn he is a solcher veirboinigter Schelm und Dieb, der Menscha und Vieha frißt, un wenn dau awer farlässi bist, so will eich dir da Buckel arauma.“

..dann „adelte“ er seine frühe Berufung zum Hirten

„Wenn ich anders das Glück dazu hätte, ein weltberühmter Mann werden sollte; denn von Anbeginn der Welt sind jeweils hohe Personen Hirten gewesen, wie wir denn vom Abel, Abraham, Isaak, Jakob, seinen Söhnen und Mose selbst in der H. Schrift lesen. Hirten sind gewesen (wie Lucianus in seinem Dialogo Helenae bezeuget) Paris, Priami des Königs Sohn, und Anchises, des trojanischen Fürsten Aeneae…“

Simplicii Residenz wird erobert, geplündert und zerstört

„Bub lauf weg, sonst werden dich die Reuter mitnehmen, guck daß du davonkommst.“ Wohin aber? Gegen Abend in Wald bin entsprungen wo nun aber weiters hinaus, sintemal mir die Wege und der Wald so wenig bekannt waren, als die Straß durch das gefrorne Meer, hinter Nova Zembla, bis gen China hinein. Die stockfinstere Nacht bedeckte mich und ich verbarg mich in ein dickes Gesträuch, da ich den Gesang der Nachtigallen hören konnte. Darum legte ich mich auch ohn alle Sorge auf ein Ohr, und entschlief. Als aber der Morgenstern im Osten hervorflackerte, sah ich meines Knans Haus in voller Flamme stehen…

Ich lief drauf los, bis ein Einsiedel vor mir stund…

..und sagte: „Auf Kleiner, ich will dir Essen geben, und alsdann den Weg durch den Wald weisen, damit du wieder zu den Leuten, und noch vor Nacht in das nächste Dorf kommest.“ Ich fragte ihn: „Was sind das für Dinger, Leuten und Dorf?“ Er sagte: „Bist du denn niemalen in keinem Dorf gewesen, und weißt auch nicht, was Leut oder Menschen sind?“Nein«, sagte ich, „nirgends als hier bin ich gewesen, aber sag mir doch, was sind Leut, Menschen und Dorf?“ „Behüt Gott“, antwortet’ der Einsiedel, „bist du närrisch oder gescheit?“ „Nein“, sagte ich, „meiner Meuder und meines Knans Bub bin ich, und nicht der Närrisch oder der Gescheit.“ Der Einsiedel verwundert’ sich mit Seufzen und Bekreuzigung, und sagte: „Wohl liebes Kind, ich bin gehalten, dich um Gottes willen besser zu unterrichten“…

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Was Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen erzählt…

… ist ein sprachgewaltiger Roman über seine Erlebnisse während des Dreißigjährigen Krieges; der begann 1618 mit dem „Prager Fenstersturz“ und führte Deutschland und Europa ins Chaos. Es heißt, Simplizissimus habe vieles selbst erlebt; das meiste dürfte jedoch seiner „unendlichen Phantasie“ entsprungen sein. Selbst wenn ich wollte, konnte ich dem Wortschwall, den endlosen Sätzen nicht immer folgen. Wortgebilde in mittelalterlicher Sprache, Satz-Monster, Seitenfresser – ich habe noch nie vergleichbares gelesen.

Doch was er zum Thema „kluge Tiere“ wiedergibt, hat mich von Anfang an beeindruckt – immerhin vor 400 Jahren aufgeschrieben…

Thomas Mann – Vorwort zum „Simplicissimus Teutsch

Es ist ein Literatur- und Lebens-Denkmal der seltensten Art, das in voller Frische fast drei Jahrhunderte überdauert hat und noch viele überdauern wird, ein Erzählwerk von unwillkürlichster Großartigkeit, bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt …“

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Können Tiere sprechen? Können Tiere lesen?

Die Tierwelt braucht das alles nicht. Sie gibt ihr „Wissen“ mit der Geburt weiter an ihre Kleinen; dadurch sind die „Erkenntnisse“ seit Millionen Jahren unverfälscht. „Ererbte Fähigkeit“ nennen es die Wissenschaftler; es ist „..ein lebens- und arterhaltendes Verhalten, dass bei der erstmaligen Ausführung beherrscht wird und bei Artgenossen in identischen Formen und Abläufen auftritt.“

Menschen haben sprechen und schreiben gelernt; Aristoteles meint, es sei die menschliche Sprache, die uns vom Tier unterscheidet: „Durch die Fähigkeit zu reden und zu kommunizieren sind die Menschen  in der Lage, zwischen gerecht und ungerecht zu unterscheiden“-  so sollte es sein.

Für Tiere gibt es diese „Unterscheidung“ nicht; die handeln als Teil der Natur nach dem „Gesetz der Natur“ – und die Natur kennt kein „gut“ oder „schlecht“…

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